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Werner Meyer

Abbilung von Werner Meyer

Die Wirklichkeit der Bilder.

Werner Meyer über Markus Georg Reintgen

Die Wirklichkeiten eines Menschen sind seine Bilder, die er sich von der Welt macht und die ihm seine Umwelt, seine Wahrnehmungen davon und die Medien liefern. Es geht um die Möglichkeiten, diese Bilder aufzunehmen, selbst zu entwerfen, mit ihnen zu leben und zu denken, sie zu bestätigen und zu verändern, sie so sein zu lassen und zu durchschauen und sie mit seinem Handeln immer wieder zu interpretieren. Das gilt für jeden Menschen und so bildet sich die Brücke zur künstlerischen Arbeit mit Bildern, wie sie Markus Georg Reintgen betreibt.

Markus Georg Reintgen arbeitet mit Fotografie, die er selbst aufnimmt und damit bestimmte Motive isoliert aus der Gleichgültigkeit der Umwelt und mit seiner Perspektive der Aufmerksamkeit und Betrachtung zugänglich macht. „move 01“ und „move 02“ (2007) sind solche Bilder, die, nur auf die Beine gerichtet, zunächst einfach den schnellen Schritt einer Person einfangen, wobei die Unschärfe nicht nur die Bewegung der fotografierten Person, sondern auch die Bewegung der Kamera, des Sehens vermitteln. Neben dieser ‚objektiven’ Wahrnehmung vermittelt sich in dem Bildausschnitt und in der Perspektive der persönliche, subjektive Blick des Künstlers, dessen Mobilität seit 1981 wesentlich durch den Rollstuhl geprägt ist. Von unten gesehen gewinnt die vermeintliche Normalität, das auf den ersten Blick triviale Motiv des Gehens eine eigene, bildfüllende Bedeutung. Sowohl in der Perspektive wie in den Bildmitteln gewinnt dieses Motiv jedoch eine die oberflächliche Selbstverständlichkeit durchdringende Fragwürdigkeit, in der das subjektive Sehen des Künstlers zu einer exemplarischen Wahrnehmung wird.

Mit romantischer Bedeutung, in deren bestem politisch-kritischen Sinn, entschlüsselt sich die Arbeit „longest day (utah beach)“ (2007): Was zunächst wie eine x-beliebige amerikanische Strandlandschaft aussieht, entpuppt ihr bildnerisches Potenzial zum einen in der kaum wahrnehmbaren Spur der Räder eines Rollstuhls, die den besonderen Zugang, die Perspektive des Künstlers in das Landschaftsbild einschreibt, dem der Blick in das Nichtsichtbare, in die Wirklichkeit der Imagination folgt. Gleichzeitig interpretiert sich das Bild noch durch eine andere, metaphorische Perspektive der Kunstgeschichte. Das Unterbewusste ansprechend nimmt der Aufbau des Bildes Bezug auf ein klassisches romantisches Muster: die von Caspar David Friedrich immer wieder ins Bild gesetzte zeitliche Struktur, die in die Landschaft führt durch den Vordergrund - das Jetzt-, durch den Mittelgrund – die Barriere mit der durch sie hindurchführende Spur, das handelnde Eindringen in das Hindernis, die Bedrohung – hin zu der Sicht auf das Meer – das Motiv der Sehnsucht, der Utopie, der grenzenlosen Weite.

Wenn Markus Georg Reintgen Fotografien macht, so nimmt er sie nicht auf wie vermeintliche Dokumente, er abstrahiert und objektiviert, das heißt er konstruiert sie als Metaphern. Mit derselben künstlerischen Haltung bemächtigt er sich vorgefundener Bilder aus den Medien, aus der Kunstgeschichte, von Postern… Seine Themen umkreisen Krieg und Sexualität, häufig überlagern und durchdringen und letztlich interpretieren sich die Motive aus diesen beide Bildwelten. Die Überblendung von Fotografien in der digitalen Bearbeitung ist heute eine medienadäquate Form der Collage. Mit dem Gestus der Transparenz offenbart diese Überblendung einmal mehr das Prinzip der Montage, der Konstruktion der Wahrnehmung in Bildern. Es gehört zur Kunst, die Bilder im unmittelbaren Sinne durchschaubar zu machen.

„tank (d-day)“ (2007) überblendet im Wesentlichen das frontale, den Gegenstand portraitierende und überhöhende Bild eines Panzers mit dem wie eine Pop Art-Adaption abstrahierten Bild zweier im erotischen Spiel präsentierter nackter Frauen. Hinsichtlich der Verbindung und Zur-Schau-Stellung von (männlicher) militärischer Gewalt und (weiblicher) Erotik ließe sich eine unendliche Kette von Bildern anführen. Die zum Klischee verfestigte Verbindung, wie sie die Medienbilder zeigen und schaffen, ist das eigentlich geschönte Obszöne dieser Bilder. Es geht um Ästhetik, das Sein und das Scheinen der Bilder. Markus Georg Reintgen führt das Drama der Pervertierung dieser Bilderwelt vor Augen und vermutet bei sich wie bei dem Betrachter in der Katastrophe auch die Katharsis - deren reinigende Wirkung, die zum Erkennen führt. Man denke an die unzähligen Szenen der Kunst über dramatische, tödliche Gewalt und deren gleichzeitige erotische, ästhetische Aufladung in den nackten Körpern ihrer Protagonisten.

Einen versöhnlichen Schluss gibt es nicht, nur die Herausforderung der Kunstwerke, durch sie einen persönlichen wie realistischen Blick auf die Vielschichtigkeit der Wahrnehmung von Wirklichkeit, von Bildwirklichkeiten zu gewinnen.

 

Biografie

Werner Meyer (*1953)

1972-75 Studium an der Pädagogischen Hochschule Reutlingen (Grund- und Hauptschullehrer) mit 1. Staatsexamen in den Fächern Deutsch und Kunsterziehung (Abschlussarbeit über Museumspädagogik)
1977-83 Studium an der Universität Tübingen und diverse Universitäten in Paris in Kunstgeschichte, Kulturwissenschaften und Philosophie
1984-85 Volontariat in der Staatsgalerie Stuttgart (u.a. Francis Bacon; K.R.H.Sonderborg)
1986-88 Leitung der Hans Thoma-Gesellschaft / Kunstverein Reutlingen
Seit 1989 Direktor der Kunsthalle Göppingen

Als Kurator, vor allem der Kunsthalle Göppingen, arbeitete Werner Meyer mit vielen international bekannten Künstlern wie Günther Uecker, Ilya Kabakov, Karin Sander, Ayse Erkmen, James Turrell, Roman Opalka, Magdalena Jetelová, Marie-Jo Lafontaine. Er kuratierte u.a. die „7. Triennale der Kleinplastik Europa – Afrika“ (Stuttgart 1998) und die Ausstellung „Play it – Kunst und Spiel“ (Stuttgart 2008). Seit 1980 veröffentlichte er zahlreiche Publikationen zur zeitgenössischen Kunst.

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Arbeit 1 von Markus Georg Reintgen: move 01
Arbeit 2 von Markus Georg Reintgen: move 02
Arbeit 3 von Markus Georg Reintgen: longest days (utah beach)
Arbeit 4 von Markus Georg Reintgen: longest days (st. mere d'eglise)
Arbeit 5 von Markus Georg Reintgen: tank (d-day)
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