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Astrid Kießling-Taskin

Die Hühnerwelt der Suzy van Zehlendorf

Astrid Kießling über Suzy van Zehlendorf 

Darauf kamen die drei Landesflüchtigen an einem Hof vorbei, da saß auf dem Tor der Haushahn und schrie aus Leibeskräften. “Du schreist einem durch Mark und Bein,” sprach der Esel, “was hast du vor?” - “Da hab’ ich gut Wetter prophezeit,” sprach der Hahn, “weil unserer lieben Frauen Tag ist, wo sie dem Christkindlein die Hemdchen gewaschen hat und sie trocknen will; aber weil morgen zum Sonntag Gäste kommen, so hat die Hausfrau doch kein Erbarmen und hat der Köchin gesagt, sie wollte mich morgen in der Suppe essen, und da soll ich mir heut Abend den Kopf abschneiden lassen. Nun schrei ich aus vollem Hals, solang ich kann.” - “Ei was, du Rotkopf,” sagte der Esel, “zieh lieber mit uns fort, wir gehen nach Bremen, etwas Besseres als den Tod findest du überall; du hast eine gute Stimme, und wenn wir zusammen musizieren, so muss es eine Art haben.” Der Hahn ließ sich den Vorschlag gefallen, und sie gingen alle vier zusammen fort.


(aus: Gebrüder Grimm, „Die Bremer Stadtmusikanten“)

Der Hahn oder Gockel ist allseits als stolzes befiedertes Wesen bekannt, dessen Brust gerne geschwollen und Kamm vornehmlich gerötet ist. Mittels eines lauten Schreiens am frühen Morgen, Mittag und Abend markiert er nicht nur sein Revier, sondern hat sich auch querbeet in das kulturelle Gedächtnis Mitteleuropas eingegraben. Man denke nur, und die Aufzählung könnte beliebig fortgesetzt werden, an „Die Bremer Stadtmusikanten“, an die Verleugnung Christi durch Petrus: „Noch bevor der Hahn dreimal kräht, wirst du mich verleugnet haben“, oder an die Streiche von Max und Moritz bei Wilhelm Busch.

Ist das durchaus selektiv eingesetzte und dadurch umso nachhaltigere Kikeriki eindeutig dem männlichen Federvieh zuzuordnen, so beschränkt sich das gemeine Haushuhn, die Henne oder die mit Nachkommenschaft gesegnete Glucke, auf ein stetiges Gackern, dessen kommunikative Bandbreite jedoch nicht zu unterschätzen ist: Hass und Liebe, Kampf und Werben liegen hier eng beieinander. Zwischen Alpha- und Omega-Huhn entspinnt sich ein differenziertes Gewebe sozialen Verhaltens, dessen Hierarchien mittels der bekannten Hackordnung präzise festgelegt sind.

Suzy van Zehlendorf lebt in ihrer Vogel- und Hühnerwelt. Das Lebensmotto „La vita è bella“ der 1980 in Berlin-Reinickendorf geborenen Künstlerin erhebt einen deutlichen Anspruch auf Glück, Genuss und Lebensfreude, jenseits von Hahnenkämpfen und Futterneid. Seit rund vier Jahren arbeitet sie in der Kunstwerkstatt der Mosaik WfB Berlin-Spandau. Entstanden sind ganz eigene malerische Bildschöpfungen sowie witzige und tiefsinnige Collagen. Über ihre Arbeiten sagt sie den wunderbaren Satz: „Ick bin sehr glücklich über meene Bilda, aba ohne blöden Stolz. Dat is mir peinlich, wenn man stolz is, wenn man eene jeschwollene Brust hat.“ Und schon sind wir wieder bei den Hühnern, die den wesentlichen Bezugspunkt im bisherigen Schaffen der Künstlerin darstellen.

Der „Hahn von Joethe“ aus dem Jahr 2006 ist eine dieser Malereien mit Öl auf Leinwand, die trotz ihrer relativ kleinen Größe von 20 mal 30 bis 50 mal 70 cm eine starke Präsenz aufweisen. Dies liegt nicht in erster Linie an den bekannten Motiven: Michael Jackson ist genauso dabei wie Picasso, Johannes Paul II oder auch eine Verkündung des Franz von Assisi nach Giotto - vermeintliche Highlights in jeder Hinsicht, Superlative des jeweiligen gesellschaftlichen Kontextes und Genres. Vom „King of Pop“ über den Star der modernen Kunst bis hin zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche und der göttlichen Erkenntnis im Gewand kulturhistorischer Abbilder – Suzy van Zehlendorf, wie sie sich als Künstlerin nennt, wildert in vielen Bereichen, adaptiert ohne Scheu und Hemmungen und macht doch aus jeder Bildvorlage eine ganz neue eigenständige Arbeit. Promi-Malerei könnte man das Ganze nennen und doch geht es viel tiefer, bleibt das Bild nachdrücklich hängen und spinnt ein Netz von Assoziationen und Interpretationen. Denn präsent ist nicht vordringlich die berühmte Persönlichkeit oder die eingängige Szenerie, sondern das „Gallus domesticus“, das Haushuhn!

In „Io sono un Berlinar“ spricht der Hahn Kennedy, historiengetreu hinter vier Mikros verschanzt, seinen berühmten Satz, und die Aura des Augenblicks geht in der Würde des Federviehs auf. Oder der bereits am Schopfe ergraute Hahn Einstein, der den aufdringlichen Fotografen bei seinem 72. Geburtstag einfach einmal die Zunge herausstreckt. Für Suzy van Zehlendorf zeigt sich darin, dass in der geistigen Übergröße Einsteins eben auch noch der kleine Junge steckt: „Als Jugendlicher hat er manchmal Scheiße jebaut.“ Keiner, der noch so viel erreicht, gewonnen oder auch verloren hat, kann sich demnach seiner Kindheit entledigen.

Und schließlich der Hahn Christus, das Kreuz tragend. Auch die Passionsgeschichte und ganz persönliche Erfahrung des Menschen oder Sohn Gottes Jesus integriert van Zehlendorf in ihre Hühnerwelt. Ganz ohne Ironie jedoch – sondern von tiefer Anteilnahme getragen. Indem sie das Geschehen künstlerisch übersetzt, kann sie der Situation, den Gefühlen, die diese auslöst, habhaft werden, ihre eigene Haltung zwischen Nähe und Distanz hierzu finden und ausdrücken.

So begegnet sie auch der Goethe-Figur. In ihm sieht sie ihre Sehnsucht nach Griechenland erfüllt. Nun sitzt der Dichter zwar in der römischen Campagna. Doch die Antikensehnsucht und Suche nach dem paradiesischen Arkadien des ausgehenden 18. Jahrhunderts wie auch das Streben nach der Winckelmannschen edlen Einfalt und stillen Größe visualisieren sich in ihm genauso.

Der „Goethe in der Campagna“ von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein aus dem Jahr 1787 (Öl auf Leinwand, 164 × 206 cm, Städel Museum, Frankfurt am Main) ist nicht nur eines der wichtigen Werke an der Schnittstelle von Klassizismus und früher Romantik, sondern auch das wesentlichste Bild aus dem Oeuvre des Malers: Goethe sehr entspannt und souverän, der Blick schweift in die Ferne, ein Gigant in vermeintlich lässiger Pose – hingegossen und doch bis ins Kleinste komponiert, umrahmt und kommentiert von einem Raum des Erlebens: der Seelenlandschaft. Reisen nach Italien auf der Suche nach der idyllischen und reinen Natur und Kunst, verbunden mit einer Flucht vor gesellschaftlichen Zwängen, waren typisch für jene Jahre.

Auch als Reisender besuchte Andy Warhol im November 1980 Frankfurt und nach einem Besuch im Städel entstand auf Anregung von Siegfried Unseld die Pop-Adaption des berühmten Goethe-Abbildes. Einer von insgesamt sechs großformatigen Siebdrucken mit Acryl auf Leinwand stellt eines der Hauptwerke der Kunstsammlung Dresdner Bank dar (Johann Wolfgang von Goethe, 1982, Siebdruck mit Acryl auf Leinwand, 200 x 210 cm).

Warhol schuf mit „seinem“ Goethe eine grellfarbige Pop-Ikone vergleichbar mit ähnlichen Abbildern von Marilyn Monroe oder Elvis Presley. Mit Sicherheit war er sich der historischen Dimension der Vorlage wenig bewusst und vermutlich interessierte ihn diese auch nicht. Das Goethe-Portrait gewann seine Attraktivität aus seinem Star-Charakter heraus, ein Pop-Motiv wie viele andere auch: Celebrity, durch Form- und insbesondere Farbgebung egalisert und profanisieren. Heroisierung war Warhol genauso fremd wie romantische Verklärung. Interessant waren das Image und dessen massenhafte Wiederholung.

Pop-Art und Romantik, Glamour und Auratik, Distanz und Mitgefühl – all diese Aspekte finden sich in der Kunst von Suzy V. wieder. Goethe in der Campagna erhält einen Hühner- bzw. Hahnenkopf, wird zum kulturhistorischen Federvieh, ein Gockel mit Hut, glücklich, dem arkadischen Traumland schon so nahe zu sein. Einer der vielen Freunde und Bekannten der Künstlerin, die durch die Malerei auch für den Betrachter fassbar werden. Eine große Hühnerfamilie durchläuft Geschichte und Zeitgeschehen, und emanzipiert sich dabei von ihren Vor- oder besser Ausgangsbildern. Malerei, Farbgebung und Komposition erreichen eine eigene ausdrucksstarke Kraft und inhaltliche Schlüssigkeit. Nach nur wenigen Bildern möchte man die Hühnerwelt von Suzy van Zehlendorf nicht mehr missen…

Seht, da ist die Witwe Bolte,
Die das auch nicht gerne wollte.

Ihrer Hühner waren drei
Und ein stolzer Hahn dabei.

Max und Moritz dachten nun:
Was ist hier jetzt wohl zu tun?
Ganz geschwinde, eins, zwei, drei,
Schneiden sie sich Brot entzwei,

In vier Teile, jedes Stück
Wie ein kleiner Finger dick.
Diese binden sie an Fäden,
Übers Kreuz, ein Stück an jeden,
Und verlegen sie genau
In den Hof der guten Frau. -

Kaum hat dies der Hahn gesehen,
Fängt er auch schon an zu krähen:

Kikeriki! Kikikerikih!! -
Tak, tak, tak! - Da kommen sie.

Hahn und Hühner schlucken munter
Jedes ein Stück Brot hinunter;

Aber als sie sich besinnen,
Konnte keines recht von hinnen.

In die Kreuz und in die Quer
Reißen sie sich hin und her,

Flattern auf und in die Höh',
Ach herrje, herrjemine!

Ach, sie bleiben an dem langen,
Dürren Ast des Baumes hangen,
Und ihr Hals wird lang und länger,
Ihr Gesang wird bang und bänger.

Jedes legt noch schnell ein Ei,
Und dann kommt der Tod herbei.

(aus: Wilhelm Busch, Max und Moritz, Erster Streich)



Biografie

Astrid Kießling-Taskin (*1969)

Kunstexpertin und Kuratorin der Commerzbank AG mit Schwerpunkt Kunstsammlung Dresdner Bank und „raum für kultur“

Seit 2004 Kuratorin für Kunst und Kultur im Dresdner Bank Konzern
Seit 2000 Expertin für Bildende Kunst im Dresdner Bank Konzern
1999/2000 Referentin für Sonderausstellungen und Öffentlichkeitsarbeit beim Bundesverband Kunsthandwerk e.V., Frankfurt/Main
1999 Künstlerische Leitung/Vereinsvorstand des auswärts Kunstraum e.V., Frankfurt/Main
1998/1999 Wissenschaftliche Mitarbeit im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt/Main
1998 Kommissarische Leitung des Kunstraum K 9, Offenbach
1996/1997 Assistenz der Geschäftsleitung der Kulturothek, Frankfurt/Main
1996 Ausstellungsplanung und Katalogredaktion für das Amerika Haus, Frankfurt/Main
1995 Magistra Artium in Klassische Philologie und Kunstwissenschaften, Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/Main
1988 Allgemeine Hochschulreife, Markgräfin-Wilhelmine-Gymnasium Bayreuth

Abbildung der Arbeit 1 von Suzy Van Zehlendorf: Albert Einstein (Zungenstrecker)
Abbildung der Arbeit 2 von Suzy Van Zehlendorf: Hahn von Joethe
Abbildung der Arbeit 3 von Suzy Van Zehlendorf: Leidensweg Jesu (Passion)
Abbildung der Arbeit 2 von Suzy Van Zehlendorf: Die Hedwigsschwestern von Sankta Maria Heim
Abbildung der Arbeit 5 von Suzy Van Zehlendorf: Fahrt durch den Weltraum
Abbildung des Logos clicks4charity

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