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Wege für Verhinderte Kunst

Markus Georg Reintgen, Foto: privat

Mit den Worten «Kunst kennt keine Behinderung» eröffnete 2007 die Online-Galerie insiderart. Für Markus Georg Reintgen ist sie das Tor nach draußen.
Barbara Weitzel sprach mit dem Künstler, der vor allem eines kennt: Barrieren.


Mit seiner Kamera nimmt Markus Georg Reintgen die Welt in den Blick. Politik, was die Gesellschaft zusammenhält und was sie zerreißt, das treibt ihn um, macht ihn zornig – und aktiv. Reintgens Fotografien sind vielschichtige, rätselhafte, schreiende Momentaufnahmen, die allesamt in einen großen Zusammenhang zielen – oder ihn erst herstellen. Mitten drin verortet man diese Kamera instinktiv, mitten im Geschehen, im Hier und Jetzt.

Abbildung der Arbeit 3 von Markus Georg Reintgen

Aber es ist anders. Reintgen aus Mainz lebt am Rand, seine Bewegungswelt ist klein und sie besteht vor allem aus Barrieren. Schon fast 30 Jahre lang ist der nahe der Loreley geborene Künstler an den Rollstuhl gebunden, seit einem Unfall im Jahr 1981 ist er querschnittsgelähmt. Seine Welt sei eine «einprozentige» sagt er, ein Prozent Teilhabe sei ihm möglich – vor allem am Kunstmarkt. Für Gesunde, für Menschen ohne Handicap schon schwer zu entern, ist die Welt der Galeristen und Kuratoren, der Talentsucher und Vermarkter, vor allem aber des interessierten und kaufbereiten Publikums für jemanden wie Reintgen, ein hermetischer Raum. Das beginnt schon damit, dass die meisten Galerien nicht behindertengerecht ausgestattet sind – von der Treppe bis zur Toilette.

Zugangscode «gesund und schön»

Die größten Barrieren aber, so Reintgen, liegen zwischen den Menschen. «Die meisten Menschen sehen eher die Risiken als die Chancen», erklärt er wie einer, der viel darüber nachgedacht hat. Und ganz nüchtern, denn er meint damit nicht nur Geschäftsleute, die Galeristen ja letztlich sind, sondern alle. Reintgen klagt nicht an, doch sein scharfer und klarer Blick auf die Verhältnisse kennt auch kein Erbarmen. Behinderte, so Reingten, wollen ihre Leistungen wie gesunde Menschen präsentieren. Sie wollen der Welt etwas zeigen. Nicht nur ihr Talent, sondern Gedanken, Zusammenhänge, Botschaften.

Kurzbiografie von Markus Georg Reintgen in einem Rahmen

«Ich und all die anderen, wir sind engagierte Leute, Menschen und Schaffende, die etwas sagen wollen, die in Kontakt treten wollen» erklärt Reintgen, und seine Stimme bekommt etwas Dringendes. Doch die Barrieren aus Angst und Etikette in der Welt mit dem Zugangscode «gesund und schön», all das setze einen fatalen Kreislauf in Gang: Die Berührungsängste derer, welche die Entscheidungsgewalt über die öffentliche Wahrnehmung haben und den Künstlern Türen öffnen könnten, schwappen über auf den Betroffenen – bis der seinerseits nur noch Risiken sieht. «Selbst ein stabiler Charakter wie ich rennt da nur zwei dreimal gegen an – und zieht sich dann zurück», sagt Reintgen.

Schritte aus der Isolation: Die Online-Galerie «insiderart»

Dass Reintgen sein «ein Prozent» geschafft hat und nicht aufgibt, liegt an seiner Zähigkeit. Mit 38 Jahren begann er ein Studium der Bildenden Kunst, Schwerpunkt Fotografie, an der Universität der Künste in Mainz. Aber auch außerhalb der Universitätsmauern ist der Fotograf unentwegt aktiv. Durchrollt und bereist das Land mit seiner Kamera. Wenn er nicht unterwegs ist, nimmt er die Welt mit Hilfe des Fernsehens und des Internets auf, indem er die Bilder abfotografiert und digital bearbeitet.

Das Internet hat ihm auch dabei geholfen, dass seine Bilder gesehen werden, in Foren wie der fotocommunity und über einen Auftritt auf der Website der Saatchi Gallery . Der wichtigste Schritt aus der künstlerischen Isolation ermöglichte sich ihm jedoch in Gestalt von Bea Gellhorn. 2007 gründete die 48-jährige Kulturmanagerin die mittlerweile größte Online-Galerie für bildende Künstler mit Behinderung. "insiderart" heißt das Portal – in Abgrenzung zur Outsiderart. So wird in Galeristen-, Kuratoren, Förderer- und Käuferkreisen die Kunst geistig behinderter Menschen genannt. Mit diesem Etikett werden diese jedoch nicht weniger ausgegrenzt als durch Ignoranz und Ablehnung, findet Gellhorn. «Indem das Andersartige betont und vermarktet wird, gibt man den Künstlern einen Exotenstatus. Mit Chancengleichheit hat das nichts zu tun.»

Präsentation, Vermittlung, Beratung

Insiderart hingegen betone den Wunsch der Künstler, als solche wahrgenommen zu werden und nicht in erster Linie als Menschen mit Handicap. Unterschiede in der Art der Behinderung werden bei insiderart nicht gemacht, jeder darf hier kostenlos ausstellen. Der Verein insiderart berät außerdem Unternehmen im Umgang mit Behinderten, vermittelt die Kunstwerke an Aussteller und berät Künstler wie Veranstalter in der Konzeption und Umsetzung von Schauen.

Kurzvorstellung der Online-Galerie in einem Rahmen

Gellhorns einziger ständiger Mitarbeiter ist ihr Sohn Christian. Der Webdesigner kümmert sich um die Pflege der selbstverständlich barrierefreien Seite und um die ständige technische Weiterentwicklung des Angebots und der Präsentation. Die drei weiteren Mitarbeiter, die Gellhorn am Anfang beschäftigte, kann sie sich derzeit nicht leisten. Neben Honoraren für die Beratungen von Firmen sind Sponsorengelder die einzige Einnahmequelle des Vereins, und die sind krisenbedingt mächtig geschrumpft.


Die Unsichtbaren und die Welt der Sichtbarkeit

Mittlerweile sind über 150 Künstler mit mehr als 500 Arbeiten in der Galerie vertreten und untereinander sowie mit der realen Welt vernetzt. Diese Vermittlerrolle stuft Gellhorn weit höher ein, als den Verkauf der Werke, bei dem insiderart als Vermittler zwischen Interessenten auf der einen Seite, Künstlern und Einrichtungen auf der anderen fungiert. «Der Verein ist ein Integrationsdienstleister» betont die gebürtige Berlinerin. Eine Schnittstelle zwischen Innen und Außen.

Mit der Onlinegalerie will sie eine Tür bieten, die nach beiden Seiten offen ist: Den Künstlern in die Welt der Sichtbarkeit, und den Kunstinteressierten in die der bisher Unsichtbaren und ihrer Werke. Und es funktioniert: Rund 10 000 Menschen besuchen die insiderart im Monat und rufen die verschiedenen Galerieseiten insgesamt über 150 000 mal auf. Tendenz steigend. Kuratoren melden sich, Kaufinteressenten und Firmen, die ausstellen wollen.

«Im Netz sind alle erstmal gleich»

Reintgen fand insiderart nach langen Recherchen im Netz, mittlerweile sind die Galerie und Bea Gellhorn zu seinem Sprachrohr geworden und haben ihm ein kleines Publikum auch außerhalb des Netzes beschert. Die Telekom hat sein Bild Utah Beach gekauft, 2010 stellt er in der Kunsthalle Mainz aus, namhafte Kuratoren schreiben über seine Fotografien.

«Die Online-Galerie ist meine Brücke, ohne Bea Gellhorn hätte ich all das nicht erreicht», sagt Reintgen. «Das Netz ist eine große Chance, es reißt Barrieren ein.» Demokratisch sei es, weil nicht das Äußere im Vordergrund stehe. «Im Internet sind erstmal alle gleich. Auf insiderart steht die Kunst im Vordergrund.» Dennoch steht er nach über dreißig Jahren künstlerischen Schaffens immer noch ganz am Anfang: «Der Kunstmarkt ist weit weg», sagt Reintgen.

Begreifen hat mit Greifen zu tun

Gäbe es das Netz nicht, die Galerie und die anderen Plattformen, «es gäbe auch mich nicht.» Zumindest nicht als Künstler, denn Kunst braucht den Betrachter, eine Öffentlichkeit. Die Galerie ist ein Tor dorthin – aber auch nicht mehr. Das Netz, der große Brückenschläger und Barrierenstürmer stößt an seine Grenzen, wo es sinnliche Erfahrung braucht. «Es geht um Werke, die an Wänden hängen sollen. Menschen wollen sie sehen, herantreten, die Kunst auf sich wirken lassen» erläutert Reintgen. Ihm ist klar, wie viel Begreifen mit Greifen zu tun hat, mit Nähe. Zumal, wenn der Zugang zu den Werken alles andere als leicht ist.

Abbildung der Arbeit 5 von Markus Georg Reintgen

Reintgens Bilder sind nicht eingängig und sie sind nicht schön. Es sind Bilder voller Rätsel, blinder Flecken. Manche sind gewaltig und gewaltsam zugleich. Der Betrachter muss sich damit beschäftigen, diese Bilder brauchen Zeit. Sie sprechen langsam, vieles bedarf einer Erklärung. Die Drastik offenbart sich gerade da, wo es um Gewalt geht, um Sex und um die voyeuristische gesichtslose Masse. Das sind Reintgens Themen, es sind politische Themen, Debattenbeiträge, Ansichten und Reflexionen, die in den öffentlichen Raum drängen. «Kunst braucht Raum», sagt Reintgen schlicht.

«Wer nicht die verlangte Schlagzahl hat, fällt durch»

Und Zeit. Ein großes Thema für einen, der langsamer ist. Eine der eindrücklichsten Arbeiten zeigt Beine in Bewegung, eilende Beine. So eilig, dass das Bild verschwommen ist. So verschwommen, dass der Betrachter meint, nur ein Bein zu sehen, nylonbestrumpft, in hochhackigen Schuhen. Das Bild endet an der Taille, über einem kurzen schwarzen Rock. Die Bewegung des Business, aus Sicht dessen, der unten ist, und langsamer. Das zweite zeigt hastende Schuhe, darüber ein langer schwarzer Mantel – Professionalität, Tempo, Geschäftigkeit, Eleganz strahlt es aus. Die Bilder sind Zeugnisse einer Welt, in der Menschen wie Reintgen nicht mehr mitkommen. Menschen wie Reintgen? Nein, die Beschleunigung, die Hatz, in immer mehr Bereichen des Lebens, das betrifft alle. «Wer nicht die verlangte Schlagzahl hat, fällt durch», sagt Reintgen schlicht. Es ist dem Künstler wichtig, dass auch die ganz persönlichen Bilder Konflikte und Schwierigkeiten zeigen, die alle betreffen. Das er nicht nur um sich selbst kreist, um seine Behinderung, in seinem unerwünschten Versteck.

Raum für die Kunst

Aber ist das nicht ein Widerspruch? Bilder über Entschleunigung ins Netz zu stellen, das schnellste Medium, eine Welt, deren Zusammensetzung sich permanent und in Nanosekundenschnelle ändert? Es ist einer, sagt der Fotograf – und doch öffne die Vielfalt, die Vereinzelung im Netz eine neue Tür. Denn was für ihn, Online-Galerie hin oder her, oft Isolation bedeutet, kann auch ein Freiraum sein.

«Der Besuch einer Galerie im Netz ist viel individueller als in einem Museum zum Beispiel. Jeder kann sich alles solange er will und immer wieder ansehen», überlegt der Künstler laut. Keine Öffnungszeiten, keine Eintrittspreise, keine Führungen und Routen, keine anderen Besucher können vom intensiven Studium eines Bildes abhalten. Wenn Reintgen so sinniert, bekommt man den Eindruck, er versuche seinen eigenen Mahnungen gerecht zu werden. Die Forderung, die Chancen zu sehen statt der Risiken.

Vision einer Stiftung

Dennoch hofft Reintgen, dass die Galerie den Schritt nach draußen schafft, und damit den Schritt aus der weiten Welt des Netzes in die kleine, hermetische des Kunstmarktes. Eine Vision, die er mit Gellhorn teilt. Langfristig soll aus dem Verein insiderart eine Stiftung und der Online-Galerie ein Museum beiseite gestellt werden. Damit die Kunst den Raum kriegt, den sich braucht. Und die Künstler, das was ihnen zusteht: Aufmerksamkeit. Unabhängig von ihrer Lebensweise, ihrem Aussehen und ihrer Beweglichkeit.

(Erschienen online am 21. Dezember 2009 in der netzeitung)

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