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Prof. Dr. Annegret Jürgens-Kirchhoff

Porträtfoto von Prof. Dr. Annegret Jürgens-Kirchhoff

Bilder gegen die Verführung zum Krieg

Annegret Jürgens-Kirchhoff über Markus Georg Reintgen

Kunst, die sich mit Kriegen auseinandersetzt, ist von Anfang an mit dem Problem der Darstellbarkeit konfrontiert. Aber erst die modernen Vernichtungskriege im 20. Jahrhundert, die beiden Weltkriege, und die verheerenden Erfahrungen von Hiroshima und Nagasaki, stellten die Künstler vor die Frage, ob Kriege überhaupt noch darstellbar sind. Wo sie dies versuchten, taten sie dies in aller Regel nicht mehr wie die früheren Schlachtenmaler als professionelle Augenzeugen, sondern als offiziell eingezogene Soldaten, die fassungslos mit ansehen mussten, wie sich das moderne Schlachtfeld in etwas verwandelte, das jeder Beschreibung, erst recht jeder künstlerischen Darstellung spottete. Zunehmend konzentrierte sich der Blick der Künstler auf die medialen Bilder vom Krieg, auf Pressefotos und Filmmaterial, das Kriegsfotografen und Journalisten von den Kriegsschauplätzen der Welt mitbrachten.

Säße Markus Georg Reintgen nicht im Rollstuhl, wäre er vielleicht Kriegsfotograf oder ein auf Kriegsschauplätze spezialisierter Journalist geworden. Die Nähe seiner künstlerischen Arbeiten zur Pressefotografie und zum Fotojournalismus sowie seine Vorliebe für die Recherche legen dies zumindest nahe. Ein Unfall, der – wie er selbst einmal formulierte – seine „Einweisung in den Rollstuhl“ zur Folge hatte, nahm ihm die für einen Kriegsfotografen notwendige Mobilität, ermöglichte ihm allerdings auch die Einsicht, dass der erhellende künstlerische Blick auf den Krieg weniger eine Sache der körperlichen Beweglichkeit als vielmehr des Wissens, der ästhetischen Einbildungskraft und der künstlerischen Kompetenz ist.

„MaxRoPaint“ hat Reintgen eine in den Jahren 2007 bis 2009 entstandene Serie von Arbeiten zum Thema Krieg genannt. Die Bezeichnung ist zusammengesetzt aus dem Namen „MaxRo“, einem Künstlerkürzel, mit dem Reintgen seine Bilder signiert, und dem Wort „Paint“, in dem das englische Wort für Farbe „paint“ und das englische Wort „pain“ für Schmerz enthalten sind. Auf diese Weise verweist die Bezeichnung „MaxRoPaint“ auf ein Künstler-Individuum, dem Farbe bzw. Malerei und Schmerz zu konstitutiven Elementen der künstlerischen Arbeit geworden sind. Es handelt sich um Fotografien, die Reintgen digital übermalt hat, schwarz, häufiger noch rot, mit Farben also, denen ein hoher, allgemein bekannter Symbolwert zukommt, der das Dargestellte in den Kontext von Gewalt, Feuer, Blut, Liebe und Tod stellt. Die digitale Übermalung erlaubt bestimmte Hervorhebungen, Akzentuierungen, auch Auslassungen, figürliche Darstellungen neben abstrakten Flächen.

Reintgen hat wiederholt und nicht nur in Deutschland die Orte der militärischen Selbstdarstellung aufgesucht, Armee-Stützpunkte und -Flugplätze, von der Bundeswehr und der US-Army veranstaltete Tage der offenen Tür, Ausstellungen und Messen mit den neuesten Errungenschaften der Rüstungsindustrie. In seinen Kriegsbildern dominiert das Thema der Faszination und der Verführung durch den modernen militärischen Apparat, durch die Kampfflugzeuge, Panzer, Waffen, die soldatische Kleidung und Ausrüstung. Beeindruckt zeigt sich nicht nur das militärische Personal; fasziniert sind auch und vor allem die Besucher. Mädchen und Jungen sitzen im Cockpit des neuesten Kampfhubschraubers, kleine strahlende Gesichter unter viel zu großen Helmen; sie klettern in die gewaltigen Panzer, stehen hinter blitzenden Maschinengewehren und an mächtigen Geschützbatterien, die sich drehen und rauf- und runterfahren lassen und auf Knopfdruck ihre Position verändern. Vater und Mütter fotografieren voller Stolz ihre Sprösslinge. Wenn irgendwo die Vorstellung vom Krieg als Abenteuer und als sportliche Herausforderung überlebt hat, dann wohl in diesen Militärausstellungen und in den sogenannten „Panzer-Partys“.

Wir sehen Reintgens Absicht, die auf Faszination und Verführung zielende Selbstdarstellung des Militärs künstlerisch zu unterlaufen, ahnen aber auch, wie groß die Gefahr ist, ihr verhaftet zu bleiben. Es ist dies ein Problem, mit dem auch andere Künstler zu kämpfen haben. Deshalb sind Bilder vom Krieg heute in besonderer Weise darauf angewiesen, dass sie nicht nur genau betrachtet, sondern auch diskutiert werden.

2007 entstand „Utah Beach“. Was uns auf den ersten Blick wie eine vertraute Dünenlandschaft mit Blick aufs Meer vorkommen mag, vielleicht an Landschaften von Caspar David Friedrich denken lässt, ist einer der Übergänge zum Strandabschnitt der Amerikaner während des sogenannten D-Days am 6. Juni 1944 in der Normandie. Diese Landschaftsaufnahme gehört für Reintgen zu seinen Bildern vom Krieg. Wie keine andere Kriegsdarstellung enthält das Bild auch ein biografisches Moment: In der auf eine Art Palisadenzaun zulaufenden doppelten Reifenspur vorne im Sand findet sich die Erfahrung von Rollstuhl und Barriere eingeschrieben.

 

 

Biografie

Prof. Dr. Annegret Jürgens-Kirchhoff (*1941 in Bremen)

Studium der Kunstgeschichte, Germanistik, Theaterwissenschaft und Erziehungswissenschaft in Köln, München, Marburg und Münster/Westfalen.
1967 Magisterexamen. 1969-1971 Lektorin und Fachredakteurin im Bertelsmann Kunstverlag, Gütersloh. 
1976 Promotion mit dem Thema „Technik und Tendenz der Montage in der bildenden Kunst des 20. Jahrhunderts“. 
1976-1985 Wissenschaftliche Assistentin und Hochschulassistentin an der Universität Münster. 
Habilitation 1991 mit einer Arbeit über „Schreckensbilder. Krieg und Kunst im 20. Jahrhundert“ (Berlin: Reimer 1993).
1994-2005 Professorin für Kunstgeschichte (Schwerpunkt Moderne) am Institut für Kunstgeschichte, Universität Tübingen.
1999-2005 Projektleiterin im Tübinger Sonderforschungsbereich „Kriegserfahrungen – Krieg und Gesellschaft in der Neuzeit“. 
Veröffentlichungen u.a. zum Thema Krieg und Kunst; zusammen mit Agnes Matthias (Hg.): Warshots. Krieg, Kunst & Medien. Weimar: VDG 2006. 
Emeritiert 2005. Seit 2006 in Berlin.

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