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Eine Ausstellung, die sich dem Tastsinn widmet

01.03.2016

Ein blinder Roboter tastet die Besucher ab.

Die Ausstellung „PRIÈRE DE TOUCHER – Der Tastsinn der Kunst“ im Museum Tinguely in schweizerischen Basel widmet sich vom 12. Februar bis 16. Mai 2016 dem Phänomen der haptischen Wahrnehmung und untersucht das museale Tabu, nur den Sehsinn des Besuchers anzusprechen.
Dieser weniger benutzte Sinn im Ausstellungskontext ist ein längst fälliges Thema für alle – und nicht nur ein Beiprogramm für sehbeeinträchtigte oder blinde Besucher.

Diesen Ansatz fanden wir sehr gut und flogen nach Basel, um uns selbst vor Ort ein Bild zu machen.

Wie nehmen wir Kunst durch Berührung wahr?

Die Ausstellung rückt den Tastsinn als Möglichkeit ästhetischer Wahrnehmung ins Zentrum und hinterfragt: Wie nehmen wir Kunst durch Berührung wahr? Was geschieht, wenn unsere Haut plötzlich die Hauptrolle beim Erleben von Kunst spielt? Können Kunstwerke auch ohne direkten physischen Kontakt zum Betrachter dessen Tastsinn ansprechen? Lassen sich taktile Erfahrungen beschreiben und in Bilder übersetzen?

Rund 40 Filme und Videos thematisieren das eigene körperliche Selbst und die Möglichkeiten einer sinnlichen, vornehmlich taktilen, aktionsbasierten Kunst. Die Liste der prominenten Künstler/innen ist beeindruckend: Marina Abramovic & Ulay, Valie Export, Bruce Nauman, Günter Brus, Yoko Ono und viele andere politisch und gesellschaftskritisch motivierte Künstler/innen.
Für unseren Geschmack waren es zu viele, nicht jugendfreie Videos mit sehr gewaltvollen Berührungen, Verstümmelungen und Schmerzdemonstrationen.

Sinnliche Denkerfahrungen

Der Ausstellungsrundgang erstreckt sich insgesamt über zahlreiche Räume, die sich dem Tastsinn in der Kunst widmen, was aber leider viel zu visuell und in gewohnter Form präsentiert wird. Bis auf einen Parcours, in dem man vier Gipsabgüsse antiker männlicher Statuen blind ertasten kann, die aber inhaltlich wenig Bezug zu der Ausstellung haben.

Wünschenswert wären mehr haptische, unterschiedliche Erlebnisse gewesen, um das Fremde, Ungewohnte noch sehr viel sinnlicher zu erfahren und zu begreifen. Spaß machte ein Raum, gefüllt mit großen, weißen Luftballons, der die Freude am Berühren und Berührtwerden spielerisch erlebbar macht.

Sehr beeindruckend fanden wir das in schwarz-weiß vorgeführte Eingangsvideo "Ästhetik der Blindheit" von Javier Telléz. Sechs blinde Menschen ertasten einen Elefanten und sprechen über ihre extrem unterschiedliche Wahrnehmung. Für den Betrachter und Zuhörer wird deutlich wie heterogen die Gruppe blinder Menschen ist. Solche Kunsterlebnisse helfen Vor- und Pauschalurteile abzulegen.

Eindrucksvoll ist die Installation und Idee "The Blind Robot" (Abbildung). Ein Roboter, Sinnbild der technischen Perfektion, ist blind und tastet die Besucher ab. Diese Erfahrung hinterfragt grundsätzlich unsere herkömmlichen Vorstellungen und Bewertungen von Defiziten und Stärken.

Verständniszugewinn nach oben offen

Wir halten diese Ausstellung für einen ersten Schritt, um inhaltlich und kuratorisch Themen wie Inklusion, Behinderung und Beeinträchtigung positiv und unvoreingenommen erfahrbar zu machen und spielerisch neue Brücken des Verstehens zu bauen, ohne dieses zu deklarieren.

Grundsätzlich hätte aus unserer Sicht die Intention der Ausstellung noch deutlicher erfahrbar gemacht werden können, dass die Einschränkung eines Sinnes kein Defizit ist, sondern ein Erweiterung des eigenen Horizonts, eine zusätzliche sinnliche Denkerfahrung.

Leider war auch das Angebot selbst gar nicht inklusiv, bis auf die Barrierefreiheit der Räume und vereinzelte Führungen für besondere Besuchergruppen.

So geht es in der Ausstellung eher um die kunstgeschichtliche Erforschung des Tastsinns. Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sehen bleibt überwiegend auf der intellektuellen Ebene.

Für uns war diese Ausstellung eine große Chance zur inklusiven Kunstrezeption und ein Beispiel für innovative Kunsterlebnisse für alle.
Das konnte sie leider nicht erfüllen.

Die Ausstellung ist noch bis 16. Mai 2016 zu sehen.

Museum Tinguely
Paul Sacher-Anlage 1 | Postfach 3255 | CH-4002 Basel
Telefon + 41 61 681 93 20 | Telefax + 41 61 681 93 21
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 – 18 Uhr | Montag geschlossen
Webadresse: www.tinguely.ch


Anmerkung:
"Pierre de touche" heißt im Deutschen "Prüfstein" und bezieht sich auf Marcel Duchamps Werk Prière de toucher.


Wir danken:

für die freundliche Genehmigung des Museums Tinguely für folgende Veröffentlichung: Installationsansicht „The Blind Robot“, © 2016 Museum Tinguely, Basel; Foto: Bettina Matthiessen

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