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Krankheit der Kreativen?

08.09.2016

Abbildung der Arbeit 2 von Karin Birner

Susanne Baldauf, Geschäftsführerin der Deutschen Depressionshilfe, hat einen interessanten Artikel in der aktuellen Ausgabe „Politik & Kultur“ des Deutschen Kulturrates über Depressionen bei Künstlerinnen und Künstlern verfasst. Sie macht damit auf ein lang verschwiegenes Thema aufmerksam und stellt das „Friedemann-Weigle-Programm“ vor, das betroffene Künstler/innen aufklären und unterstützen will.


Virtuos und vital führte er den Bogen seiner Bratsche. Mit ihm erlangte das heute weltberühmte Artemis Quartett Kultstatus. Er habe die Kammermusik aus der Kammer befreit, so beschrieb ihn die ZEIT in einer Hommage. Der große Bratschist Friedemann Weigle verstarb im Juli 2015 mit nur 53 Jahren. Er litt an einer bipolaren affektiven Störung, einer schweren psychischen Erkrankung mit manischen und depressiven Phasen. Die Musikwelt reagierte geschockt, trauerte und verneigte sich. Artemis widmete ihm den 2015 erhaltenen ECHO Klassik-Preis sowie die Abschieds-Konzerttournee »In Memoriam Friedemann Weigle« – mit Werken, Komponisten und Kollegen, die ihm nahe standen. Gerade jährte sich der Todestag zum ersten Mal. Familie, Freunde und Quartettkollegen begingen diesen mit einem gemeinsamen Gedenk- und Benefizkonzert in seiner Heimatkirche. Nicht nur menschlich und künstlerisch wollen seine Angehörigen und Weggefährten die Erinnerung an den herausragenden Künstler wachhalten, sondern es ist ihnen ein Anliegen, anderen Musikern mit der gleichen Erkrankung zu helfen.


Aufklärung über die Erkrankung und Behandlungsmöglichkeiten

Unter dem Dach der Stiftung Deutsche Depressionshilfe wurde daher das »Friedemann-Weigle-Programm« entwickelt und gefördert. Ziel ist die Aufklärung speziell von Künstlern über die Depressionserkrankung und ihre Behandlungsmöglichkeiten – und nicht zuletzt soll Betroffenen Mut gemacht werden, sich professionelle Hilfe zu holen.

Warum ein Depressions-Programm speziell für Künstler? Sind diese verstärkt von Depressionen oder bipolaren Störungen betroffen? Robert Schumann, Vincent van Gogh, Virginia Woolf, Ernest Hemingway und Hermann Hesse, das sind nur einige der prominenten Geistesschaffenden, von denen gesichert bekannt ist, dass sie an einer bipolaren affektiven Störung erkrankt waren. Sie werden oft die »Manisch-Kreativen« genannt. Die Ideenflut in manischen Phasen kann einen wahren Schaffensrausch bewirken. Gleichzeitig machen Betroffene aber auch bei krankhafter Selbstüberschätzung viele Fehlhandlungen, sind »nicht zu stoppen« und haben keinerlei Krankheitseinsicht. Die Manie ist das Gegenteil der Depression mit gedrückter Stimmung, Interessen-, Antriebs- und Freudlosigkeit sowie permanentem Erschöpfungsgefühl und hartnäckigen Schlaf- und Appetitstörungen. Wenn jemand neben den depressiven Krankheitsphasen auch manische erlebt, dann spricht man von einer bipolaren affektiven Störung, wie im Fall von Friedemann Weigle.

Depressionserkrankungen sind nicht nur wegen der Suizidgefährdung eine lebensbedrohliche Erkrankung. Depressionserkrankungen sind Stress für den ganzen Körper. Die Sprache der Kunst ist oftmals ein Spiegel der Seele oder anders gesagt ein »Fenster zur Seele«. Von daher wird die von Künstlern erlebte Krankheit auch künstlerisch be- bzw. verarbeitet. Das kann den Eindruck erwecken, dass sie häufiger als andere Berufsgruppen unter dieser Krankheit leiden. Prinzipiell gilt: Die Depressionserkrankung kann jeden treffen – prominente Künstler genauso wie Manager, Lehrer oder Erwerbslose. 


Kunst als Verarbeitung und Chance des Überlebens

Auch viele Betroffene, die sich nicht beruflich kreativ betätigen, berichten, dass das tiefe Leiden der Depressionserkrankung und die existenzielle Erschütterung zu einer inneren Differenzierung und einer größeren Achtsamkeit für das führen, was das tägliche Leben bietet. Bei manchen wird dadurch das Bedürfnis geweckt, dieses tiefere Empfinden künstlerisch auszudrücken. Sie erleben dies als Befreiung – von daher sind auch in vielen Kliniken und Praxen Musik- oder andere Kreativtherapien hilfreich im Einsatz. Wenngleich solche Verfahren keine Alternativen zu einer konsequenten medikamentösen oder psychotherapeutischen Behandlung darstellen, können sie eine wertvolle Ergänzung und Unterstützung sein. Auch wenn Depressionen in der Regel gut behandelbar sind, verhindern nicht selten das gesellschaftliche Tabu und die depressionsbedingte Antriebs- und Hoffnungslosigkeit den Gang zum Arzt. Speziell bei Künstlern kommen Befürchtungen vor unerwünschten Nebenwirkungen von Medikamenten in Bezug auf Feinmotorik oder Wahrnehmung bzw. Sensitivität hinzu. 


Sensibilisierung der Kultureinrichtungen

Hier setzt das »Friedemann-Weigle-Programm« an: Derzeit werden eigens entwickelte Informationsmaterialien zur Erkennung und Behandlung der Krankheit an Konzerthäusern, Musikhochschulen und anderen Kultureinrichtungen kostenfrei zur Verfügung gestellt. Auch Schulungen und Vorträge an Kultureinrichtungen sind geplant. Zudem ist ein Netzwerk von Ärzten und Therapeuten im Aufbau, das sich auf die Besonderheiten von psychischen Erkrankungen bei Musikern und Künstlern spezialisiert hat. Optimalerweise musizieren oder singen diese selbst in ihrer Freizeit. Denn es ist hilfreich, wenn der behandelnde Arzt oder Therapeut die besonderen Befürchtungen bzw. Bedürfnisse dieser Berufsgruppe rund um die Beweglichkeit der Finger, Stimme oder Wahrnehmung kennt und auch selbst nachvollziehen kann. Die Ärztedatenbank wird im Laufe des kommenden Jahres zu erreichen sein unter www. deutsche-depressionshilfe.de. 

 

Abbildung: Karin Birner, Die müde Frau

Abbildung des Logos clicks4charity

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