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„Das uns alle verbindende Thema ist die Kunst“

01.03.2018

Abbildung eines Porträts von Christina Kohla

Mit der Schlei-Akademie startet in diesem Sommer bei Kappeln in Schleswig-Holstein die erste inklusive Sommerakademie für Bildende Kunst. Sie hat sich neben dem klassischen akademischen Auftrag dem Prinzip der Wertschätzung und Anerkennung von Vielfalt verpflichtet. Ihr breitgefächertes Kursangebot richtet sich an ausgebildete wie autodidaktische Kunstschaffende, an Unerfahrene wie Fortgeschrittene, an Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen, an Kunstinteressierte und Kunstbegeisterte. Die Leitidee dabei ist, ihnen allen den Zugang zu einer Kunstakademie zu eröffnen und ihnen damit künstlerische Bildung und Auseinandersetzung zu ermöglichen.

Wir haben ein erstes Interview mit der Akademieleiterin und Kunsthistorikerin Dr. Christina Kohla geführt.

Zur Erklärung: Die Abkürzung CK bedeutet Christina Kohla und IA steht für Insider Art.


IA: Liebe Christina Kohla, Sie stecken mitten in den Vorbereitungen für die erste inklusive Sommerakademie, die in Deutschland in diesem Sommer angeboten wird, die Schlei-Akademie.
Das ist sicher für Sie als Akademieleitung eine große Herausforderung, aber auch ein großartiges Angebot für Kunstinteressierte und Kunstschaffende, die üblicherweise bisher nicht an solchen Kunstereignissen teilnehmen können.
Was unterscheidet dieses Angebot von anderen und worin sehen Sie die größten Herausforderungen?

CK: Ich denke, es ist grundsätzlich eine große Herausforderung, zu fragen: Wie wird künstlerische Auseinandersetzung für alle möglich und welche künstlerischen Auseinandersetzungen können unsere Gesellschaft positiv beeinflussen?

Das Angebot der Schlei-Akademie unterscheidet uns von vielen Bildungseinrichtungen. Wir haben hier in der Nähe von Kappeln, am Ufer des Ostseefjords Schlei in Sundsacker eine barrierefreie Schule, die sich in Trägerschaft des St. Nicolaiheim e.V. befindet. Eine optimale Voraussetzung für unser inklusives Konzept. Dabei ist es uns wichtig, von Anfang an attraktive Strukturen aufzubauen, die alle Kunstinteressierten in ihrem Kunstschaffen bestärken, weiterbringen und inspirieren.

Im letzten Jahr wurde die Akademiegründung hier in Schleswig-Holstein von der Aktion Mensch in Zusammenarbeit mit unserem Amt zur Entwicklung des ländlichen Raumes, der Aktiv Region Schlei Ostsee mit dem Höchstsatz gefördert. Diese Kunstakademie ist einmalig, weil wir uns aktiv mit vorhandenen Barrieren, und nicht nur den räumlichen, auseinandersetzen. Frei nach unserem Leitbild heißt das: Arbeit und Forschung auf Augenhöhe. Das uns alle verbindende Thema ist die Kunst.

Im Akademiebetrieb ist es noch immer nicht üblich, darüber nachzudenken, wie eine blinde Fotografin ihre Motive wahrnimmt oder welche Staffelei jemand benötigt, der mit den Füßen malt. Bei uns soll alles möglich sein, wenn es darum geht, Kunst machen zu wollen.

Ganz in diesem Sinne möchten wir mit einem umfangreichen Programm in einer wunderschönen Umgebung viele Kunstschaffende erreichen und Barrieren möglichst aus dem Weg zu räumen. 

IA: Ihr Angebot ist unglaublich vielfältig. Unter den 25 Dozent*innen werden auch vier Künstler*innen aus der Online-Galerie für Insider Art einzelne Kurse leiten. Wie kam es zu der Auswahl und welche Kurse bieten diese Künstler*innen an? Was für Kurse werden darüber hinaus angeboten?

CK: Als ich 2014 damit begann über Kunst und Inklusion zu forschen, musste ich feststellen, dass die allgemeine Meinung über Künstler*innen mit Behinderungen mich entweder auf das Gebiet der Outsider-Kunst führte oder es schlichtweg hieß: Es gibt keine guten Künstler*innen mit Behinderungen. Das erinnerte mich an die Frauenforschung in der Kunstgeschichte. Auch da wurde einmal die Frage gestellt, ob es überhaupt berühmte Künstlerinnen gab. 

Die Frage müsste vielmehr heißen: Wer hat das eigentlich bewertet? Menschen mit Behinderungen, die an den gesellschaftlichen Barrieren scheitern, ausgegrenzt oder vom Kunstbetrieb zurückgewiesen werden, wissen, was ich meine. Diese Künstler*innen suche ich bewusst auf und einige habe ich bei Insider Art gefunden. Natürlich gibt es sie! Ich habe aber nicht nach Behinderungen gesucht, sondern nach Menschen, die in der Lage sind, Kunst zu vermitteln, die selbst ihre künstlerische Position gefunden haben. So fand ich beispielsweise in der Hamburger Künstlerin Jacqueline Janke eine Frau, die aufgrund ihrer eigenen Körpererfahrung eine herausragende Kompetenz mitbringt. Als ich hörte, dass sie Aktmalerei unterrichtet, war sie für mich die richtige. Mit den anderen war es ebenso. 

Es geht mir nicht darum, Menschen aufgrund ihrer Behinderung einzubeziehen, sondern weil sie künstlerisch tätig sind und mit ihrer eigenen Position etwas zu sagen haben. Da schaue ich mich um, wer mir geeignet erscheint. Manche haben sich auch bei mir beworben und ich habe mich nach einem persönlichen Kennenlernen für oder gegen sie entschieden. Für mich gibt es keine qualitativen Unterschiede zwischen Kunstschaffenden mit oder ohne Behinderungen.

Bei uns unterrichten Menschen, die dazu in der Lage sind und durch ihr eigenes Werk überzeugen und die Liebe zu ihrer Arbeit anderen vermitteln können. Neben Malerei in Öl oder Eitempera, bieten wir auch Collage- und Mischtechniken, Monotypie, Figurenbau, chinesische Kalligrafie, Street Art und natürlich auch Zeichnung oder Plastik an.

IA: Sie wollen keine Nische besetzen, sondern sich mit einem professionellen Angebot unter den bereits bestehenden Sommerakademien in Zukunft etablieren. Warum gibt es Ihrer Meinung nach bisher kein Angebot dieser Art und was haben Sie konkret vor?

CK: Es geht uns um Inspiration und Austausch. Manchmal denke ich, das kommt nicht nur innerhalb unserer Gesellschaft, sondern vor allem in den Forschungs- und Bildungseinrichtungen viel zu kurz. 

Wir werden alle auf kompakte Inhalte reduziert. Wir sollen funktionieren und das bitte schnell. 

Kunst ist leider in vielen Bereichen zum Konsumobjekt geworden. Ich bedaure das und denke, dass Kunst so viel mehr kann. Aber wir müssen dafür Begegnung zulassen, Sehgewohnheiten verändern und eingefahrene Wege überdenken und vielleicht neue suchen. 

Das ist nicht einfach, aber es ist möglich.

Konkret gesagt, versuchen wir von vorn herein, unseren inklusiven Anspruch immer mitzudenken – und wir erleben in der Praxis, was für eine enorme Herausforderung das ist und wie viel Zeit es braucht. Das heißt natürlich nicht, dass wir keine Fehler machen – nach der ersten Sommerakademie wird sich zeigen, was wir schon erreicht haben und was noch nicht. Erst im Tun zeigen sich dann die wahren Auseinandersetzungen – wie auch in der Kunst.

IA: Eine solche Vorreiterrolle zu übernehmen ist sicher nicht leicht, vor allem, weil es ja keinerlei Erfahrungen gibt, auf die man zurückgreifen kann. 

Was ist wichtig für das Gelingen und was wünschen Sie sich persönlich?

CK: Der St. Nicolaiheim Verein in Kappeln zeigt mit dieser Forschungseinrichtung, dass es neue Wege gibt. Wir wollen auch deutlich machen, dass Inklusion keine Einbahnstraße ist. Auch ich habe ein Recht auf Inklusion – ohne vermeintliche Behinderung! Ich möchte auch teilnehmen und verstehen, warum jemand etwas anderes braucht als ich. Es muss gegenseitig sein, sonst wird es nicht funktionieren. Ich freue mich, so viele Künstlerinnen und Künstler gefunden zu haben, die Lust haben, sich dem künstlerischen Austausch zu stellen.

Und genau das wünsche ich mir: Erfahrungen machen, keine Angst vor dem Unbekannten haben und Begegnung erleben – ganz nach unserem Motto: Freiraum für Kunst!

IA: Wann und wo genau findet die Schlei-Akademie statt und wen möchten Sie mit dem Angebot ansprechen?

CK: Die Schlei-Akademie findet vom 16. Juli bis zum 10. August in den Räumen der Albert-Schweitzer-Schule in Sundsacker / Winnemark statt. Sie ist offen für alle Menschen ab 16 Jahre, die Kunst machen wollen. Es gibt keine Aufnahmekriterien zur Teilnahme. Das Bildungsangebot ist für Erwachsene, aber auch die Altersgrenze ist nur ein Richtwert.

IA: Ab wann können sich Interessierte für die Kurse anmelden und wie?

Unsere Internetseite befindet sich noch im Aufbau, aber die Kurse sind online schon einzusehen. Interessierte sollten sich jetzt schon anmelden, da viele Kurse auf sechs bis zwölf Teilnehmende begrenzt sind. Solange die Online-Anmeldung noch in Arbeit ist, können die Anmeldungen und Anfragen direkt an mich gerichtet werden.

IA: Das macht ja richtig Lust, im Sommer an die Schlei zu fahren, um mal Urlaub und Kunst zu verbinden und vielleicht, etwas ganz Neues auszuprobieren. Wir danken Ihnen sehr für das aufschlussreiche Interview und wünschen Ihnen ganz viel Erfolg!

Näheres auf der Webseite: www.schlei-akademie.de

Kontakt zur Akademieleitung: 

Dr. Christina Kohla
Tel. 0 46 42 / 91 44 525
(Mo. – Mi. 9:30 – 16:00 Uhr)
Tel.: 0151 / 215 247 14

E-Mail: kohla@schlei-akademie.de


Vier Künstler*innen der Online-Galerie geben folgende Kurse:

Michael Globisch
"Natur - Sinne - Mensch" von 16. - 20. Juli
Jaqueline Janke "Freie Aktmalerei nach Modell" von 23. - 27. Juli und 30. Juli - 7. August
Horst Rosenberger "Zeichnung und Malerei mit dem Tablet" von 16. - 20. Juli
Alejandra Rubies "Das eigene Künstlerbuch" von 23. - 27. Juli 

Anmeldungen und Anfragen unter www.schlei-akademie.de.

 

Abbildung: Dr. Christina Kohla, Fotorechte: Henrik Matzen

Abbildung des Logos clicks4charity

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